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Generalversammlung 2017

Feuerwehr beklagt Gewalt gegen Helfer

Probleme durch Gaffer, Pöbler und Randalierer – 225 Einsätze im vergangenen Jahr – Dramatische Entwicklung auf der Autobahn

Sinsheim. Die vielen Verkehrsunfälle auf der Autobahn und die wachsende Zahl der Übergriffe auf Rettungskräfte bereiten der Feuerwehr Sinsheim massiv Sorgen: Mit 225 Einsätzen (2016 = 230) in den zurückliegenden zwölf Monaten waren die Feuerwehrmänner erneut bis an ihre Grenzen gefordert. Doch besonders gravierend waren erstmals auch Übergriffe auf die freiwilligen Helfer: Auf einer Einsatzfahrt in der Silvesternacht wurden aus der feiernden Menge heraus die Löschfahrzeuge mit Böllern und Raketen beschossen – „wir sind mittlerweile in der gleichen Liga wie Berlin oder Köln, was die Respektlosigkeit gegenüber den Einsatzkräften angeht“. Das kritisierte Feuerwehrkommandant Thorsten von Hausen auf der zurückliegenden Generalversammlung der Sinsheimer Feuerwehr.

Und ebenfalls an Dreistigkeit nicht mehr zu überbieten war ein anderes Ereignis bei einem Unfall auf der A 6: Hier zog ein ganzer Tross von rücksichtslosen Autofahrern hinter den Löschfahrzeugen durch die Rettungsgasse hinterher und behinderte damit massiv die nachrückenden Helfer, „ein Zustand, der künftig so nicht ohne Konsequenzen bleiben kann“, kommentierte der Feuerwehrkommandant weiter. Auch Oberbürgermeister Jörg Albrecht forderte in diesem Zusammenhang „knallharte Strafen“, wenn Rettungskräfte behindert oder gar angegangen werden. Schließlich leisten die ehrenamtlichen Helfer einen unschätzbaren Dienst zum Wohl der Allgemeinheit.

Massiv in der Kritik bei der Rückschau der Floriansjünger sind auch die vielen Unfälle auf der A 6 im Bereich der Baustelle. Allein zwölf schwere Lkw-Unfälle blockierten 2017 die Autobahn und legten über Stunden den gesamten Verkehr lahm. „Das kann so nicht weitergehen. Bei Staus erstickt dann das gesamte Umland von Sinsheim unter der riesigen Blechlawine“, klagte der Oberbürgermeister.

„Tätlichkeiten gegenüber unseren Wehrangehörigen sind ein absoluter Tabubruch“, verurteilte Gesamtkommandant Michael Hess die Besorgnis erregende Entwicklung. Darüber hinaus verurteilte er die zunehmende Respektlosigkeit gegenüber den Helfern. Schließlich gehörten die Sinsheimer Feuerwehrmänner und -frauen auch zu den ehrenamtlichen Kräften mit einer der höchsten Einsatzbelastungen im Rhein-Neckar-Kreis. Rekord: Am 15. August vergangenen Jahres riefen die Alarmpiepser die Rettungsspezialisten achtmal zu verschiedenen Bränden und Unfällen im Stadtgebiet, an sieben Tagen im vergangenen Jahr waren vier Einsätze zu leisten, an 17 Tagen hieß es jeweils drei Mal „Alarm für Florian Sinsheim“.

Im Zusammenhang mit der Großbaustelle auf der Autobahn zwischen Sinsheim und Wiesloch sieht der Kreisbrandmeister deutliche Kommunikationsdefizite, „die Feuerwehr ist unzureichend informiert, das kann im Einsatz fatale Folgen haben“, meinte Udo Dentz. Hier gebe es deutlichen Nachsteuerungsbedarf bei den Verantwortlichen, meinte der Kreisbrandmeister weiter, „wir bekommen schlichtweg von offizieller Seite keine aktuellen Informationen, wenn die Verkehrsführung zwischen Sinsheim und Wiesloch verändert wird“.

Neue Hoffnungen machte Udo Dentz auf die Einführung des Digitalfunks, „vielleicht klappt dieses Jahr die Umstellung“. Zur Erinnerung: Eigentlich sollte der neue Kommunikationsstandard als landesweites Pilotprojekt zuerst in Sinsheim eingeführt werden. Damals zur Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen – das internationale Großereignis liegt aber mittlerweile sieben Jahre zurück.

„Gefühlt kracht‘s auf der Autobahn bald täglich“, bemerkte Stadtkommandant Thorsten von Hausen in seinem Jahresrückblick weiter. „In vielen Situationen hatten wir größte Mühe, durch den Stau an die Einsatzstelle zu gelangen“. Fehlanzeige bei der Zurückhaltung der Autofahrer oder der Bildung einer Rettungsgasse.

Bestens bewährt hat sich bei Einsätzen im Baustellenbereich die gleichzeitige Alarmierung der Feuerwehr Wiesloch, „hier ergänzen wir uns sehr gut“, sagte er. Um Gaffer und rücksichtslose Autofahrer zu sanktionieren, helfen nach Meinung des Kommandanten nur drakonische Strafen. Und leider sei die Polizei situationsbedingt vor Ort personell nicht in der Lage, die Verursacher anzuzeigen, sagte Thorsten von Hausen abschließend.

Laut OB Albrecht hat die gesamte Stadt und der Gemeinderat für die Arbeit der Feuerwehr größte Wertschätzung und Anerkennung, notwendige Beschaffungen an Fahrzeugen und Geräten würden deshalb im Rahmen der Möglichkeiten ohne Wenn und Aber unterstützt. Noch nichts entschieden sei beim neuen Feuerwehrgerätehaus, erklärte er. Laut Oberbürgermeister gibt es neben der ehemaligen Autobahnmeisterei in der Schwarzwaldstraße weitere Alternativen für die Unterbringung der Sinsheimer Feuerwehr. Im Laufe des Jahres soll die Grundsatzentscheidung fallen.

Text : von Michael Endres

 

Mehr gerettet als gelöscht

Feuerwehr ist zunehmend Rettungsdienstleister – Auch sieben Frauen unter den Aktiven

(end) Wenn die Feuerwehr Sinsheim mit Blaulicht und Martinshorn zum Einsatzort eilt, brennt es in den meisten Fällen nicht: Denn Brände sind in der Einsatzstatistik der Floriansjünger mit 225 Alarmierungen deutlich in der Unterzahl. Viel mehr sind die ehrenamtlichen Spezialisten als Rettungsdienstleister gefordert.

Ob Türöffnungen, wenn Bewohner in häuslicher Umgebung verunglückt sind, um Menschen aus stecken gebliebenen Fahrstühlen zu befreien oder wegen der vielen Verkehrsunfälle auf den Straßen rund um Sinsheim – es wird immer mehr Arbeit für die ehrenamtlichen Helfer. Allein 41 Mal mussten die Floriansjünger in den zurückliegenden zwölf Monaten zur Hilfeleistung mit Menschenrettung ausrücken; hier gab es elf getötete Unfallopfer zu beklagen, 47 Mal gab es kleinere und größere Brände, 15 Mal wurden benachbarte Feuerwehren von den Spezialisten aus Sinsheim unterstützt. Dreimal mussten sich die Einsatzkräfte um Gefahrgut kümmern. Darüber hinaus sorgten 38 Mal Brandmeldeanlagen für das Ausrücken der Helfer.

Mit derzeit 73 Aktiven, darunter sieben Frauen, gibt es in Sinsheim aktuell noch keine Nachwuchssorgen für den ehrenamtlichen Dienst. Auch der Altersdurchschnitt der Aktiven ist gegenüber vergleichbaren Feuerwehren deutlich im grünen Bereich zwischen 26 und 45 Jahren. Zugute kommt der Wehr hier die hervorragende Jugendarbeit. Der Löschnachwuchs wird spielerisch und mit einem vielseitigen Freizeitprogramm an den aktiven Dienst in der Feuerwehr herangeführt. Aktuell machen bei der Jugendfeuerwehr zwölf Buben und acht Mädchen mit.

Text : von Michael Endres

Freitag, 23. Februar 2018

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